Krimiwettbewerb Platz 3: Eine Leiche zum Kompost | DOGS TODAY Magazin
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Krimiwettbewerb Platz 3: Eine Leiche zum Kompost

In der Villensiedlung wird ein Dackel vermisst. Bei den Ermittlungen stoßen Kommissar Hasso und sine Kollegen, die topfrisierte Pudeldame Pam und der griechische Straßenköter Lou auf die Grillzange und Frotteeunterhosen eines Hundehassers. Was steckt nur hinter diesem Geheimnis? Ob der Fall gelöst wird, verrät der 3. Platz des Krimiwettbewerb. 
Eine Leiche zum Kompost © Antranias/pixabay.com
Was sich wohl in dem Kompost versteckt?

3. Platz des Krimiwettbewerb


Eine Leiche zum Kompost

von Karin M. Erdtmann
 
„Das ist doch nicht Ihr Ernst, Lou! Wir haben Sie als Ermittler in die Villensiedlung geschickt, damit Sie den Hundehasser überführen. Und Sie schleppen mir eine Grillzange und eine alte Frotteeunterhose an?“ Kommissar Hasso verzog die Lefzen und der Ekelfaktor potenzierte sich beim Anblick der Herrenunterwäsche. Vorsichtshalber nahm er die Grillzange zu Hilfe, um das leuchtend orangefarbene Corpus Delicti durch die Luft zu wirbeln.
„Pam, was sagst du dazu?“
Kommissar-Anwärterin Pamela nahm Witterung auf: „Getragen von einem Zweibeiner, etwa 1,80 Meter groß, mittelalt, Bauchansatz, Choleriker. Das Beweisstück stammt aus einem Altkleidersack“, schlussfolgerte die top frisierte Pudeldame eher gelangweilt und bedachte Lou mit einem ihrer vernichtenden Blicke. Sie konnte Straßenköter nicht leiden. Obwohl dieser hier, offenbar ein junger Grieche, hatte etwas, das sie magisch anzog. Seine Wilddackel-Gene konnte der Kerl nicht leugnen. Zudem war er schnell und neugierig, aber auch eigensinnig. Dazu besaß Lou einen gehörigen Schuss Windhund im Genpool, der ihm neben einer Top-Figur etwas Verwegenes verlieh, das sogar kastrierte Hündinnen unwiderstehlich fanden, so wie Pam.
Doch in erster Linie war Lou Ermittler und gerade mächtig unter Druck. „Aber Chef“, stammelte er aufgeregt, „da ist doch …“ Lou hatte die Grillzange auf dem Nachbargrundstück des besagten Hundehassers gefunden, wo sie sich zusammen mit einem orangefarbigen Frotteelappen, der sich später als Herrenslip herausstellte, im Geäst verfangen hatte. Die Zange roch nach verbranntem Fett, aber auch nach Blut. Mit leichtem Schauder zerrte er das massive Eisenteil aus dem Gebüsch und brachte es zusammen mit dem Textilfund auf die Wache. Er konnte sich da keinen Reim darauf machen und hatte gehofft, sein Chef wäre begeistert. Doch der Deutsche Schäferhund war sauer und tat seinen Unmut lautstark kund. Immer wenn Lou angeblafft wurde, schlug ihm das auf die Blase.
„Ab Lou! Wenn du noch einmal dein Bein an meinem Schreibtisch hebst, bist du gefeuert“, bellte Hasso, „Ich bin angepisst genug!“
Lou verpisste sich. Es gab drei Dinge, die er jetzt brauchte: eine Portion Gyros ohne alles, einen Napf Hundebier und den Rat seiner Geschwister. Auf die Schlappohrbande konnte er sich verlassen. Während er am Nikiti-Grill, den ein freundlicher Labbi-Mix in der Innenstadt betrieb, auf seine Bestellung wartete, tippte er die Nummer seiner Schwester für einen Videoanruf in sein Dogphone.
150 Kilometer entfernt weckte das Klingeln die rotbärtige Rita aus dem Mittagsschlaf.
„Hey Lieblingsbruder, lange nichts von dir gehört“, flötete die Rauhhaardame. „Wann lässt du dich hier mal wieder sehen?“
„Keine Zeit, muss arbeiten“, seufzte Lou, stürzte sich schmatzend auf die Fleischportion und tauchte abwechselnd seine Schnauze ins Hundebier.
Rita musste grinsen. „Weißt du noch, wie mein Frauchen dein Frauchen gefragt hat, ob du am Wassernapf auch so viel schlabberst wie ich? Und dass dein Frauchen geantwortet hat: Er schlabbert nicht, er niagarat.“
Lou ließ das unkommentiert.
Sie hatten alle Glück gehabt. In Griechenland hatte man sie im Alter von zwölf Tagen in einen Karton gesetzt und Tierschützern vor die Tür gestellt. Bis auf einen Bruder waren alle durchgekommen, nach Deutschland geflogen worden und ausnahmslos bei tollen Menschen gelandet.
Und er hatte auch noch einen super Job, noch jedenfalls. In wenigen Sätzen klärte er seine Schwester über den aktuellen Fall und seinen Ermittlungsstand auf: „Ich hab bei einem Hundehasser ne Grillzange im Gebüsch gefunden. Möchte mir nicht vorstellen, was der Psychopath damit gemacht hat.“
Das Wort Grillzange verband Rita automatisch mit Steak und wurde hellhörig. Ihr rötlichbrauner Schnauzbart begann zu zittern. „War was Leckeres dran?“
„Kommt drauf an. Magst du Frottee-Unterhosen?“
„Iih! Spießer-Feinripp?“
„Keine Ahnung. Jedenfalls war die leuchtend orange und wenn meine Spürnase mich nicht getäuscht hat, roch beides nach Blut. Ich muss auflegen, Hasso ruft an.“
Lou drückte seine Schwester weg und nahm den Anruf seines Chefs entgegen: „Kommen Sie sofort in die Villensiedlung“, bellte Polizeioberhund Hasso. „Ein Langhaardackel wurde entführt. Im Vorgarten wurde nur noch sein Halsband gefunden und ein Zettel, auf dem in Großbuchstaben KACKBRATZE stand. Dieser Irre macht ernst!“
„Herrje! Ich mach mich direkt auf den Weg!“
„Ach Lou, eins noch. Die Zweibeinerweibchen haben eine Bürgerwehr gegründet und durchkämmen die Nachbarschaft. Freunde des Hundehassers haben sich ebenfalls zusammengerottet. Da oben ist der Teufel los.“
Lou war heilfroh, dass die Siedlung am Wald lag. Die eilig heruntergeschlungene Portion Gyros setzte ihn mal wieder unter Druck. Es zog ihn erst mal ins Unterholz. Was er nicht ahnen konnte: Auch das Frauchen des vermissten Dackels samt Bürgerwehr nahm Kurs auf das Gestrüpp. Sie verpassten sich zum Glück knapp.
Erleichtert wollte er doch nochmal den Fundort der Grillzange inspizieren. Wenn ihn sein Geruchssinn nicht getäuscht hatte, konnte er für seinen Artgenossen eh nichts mehr tun. Erst jetzt fiel ihm die ungewöhnliche Ruhe auf, die von dem Nachbargrundstück ausging. Der übellaunige Typ, der dort mit seiner verschüchterten Frau wohnte, pöbelte sonst lautstark Menschen und Hunde an. Vielleicht waren sie im Urlaub, wie Menschen das halt so tun. Als Täter kam er dann aber auch nicht infrage. Aber wer hatte dann den Dackel gemeuchelt? Lou zückte sein Dogphone und wählte eine Nummer in Ostwestfalen. Vielleicht konnte seine Schwester Lena ihm weiterhelfen. Sie meldete sich schnell und Lou fiel mit der Tür ins Haus: „Sachma, bei euch nebenan wohnt doch auch so ein Verrückter.“
„Du meinst den Möchtegern-Napoleon, der hier immer rumpöbelt und leere Schnapsfläschchen über die Hecke wirft, obwohl er nicht alle Latten am Zaun hat?“ Lena grinste und Lou ignorierte ihr Wortspiel. Er erklärte seiner Schwester kurz die Sachlage. Und Lena überlegte. „Da ist doch was faul, das riech ich bis Höxter! Lou, du bist zu oberflächlich. Du musst mehr in die Tiefe gehen!“
„Hä?“ Lou verstand die Welt nicht mehr. „Mehr in die Tiefe gehen?“ Genervt von derartigen Ratschlägen schüttelte er seine Schlappohren und beendete das Gespräch mit dem Orakel aus dem Weserbergland.
 
Aber vielleicht hatte sie Recht. Er nahm die große Kompostkiste auf dem Nachbargrundstück ins Visier. Es gab ein kleines Loch unter dem Maschendrahtzaun, das ihm zum Durchschlüpfen reichte. Er inspizierte das Monstrum. Auf den Kompostberg zu klettern war für ihn kein Problem. Engagiert schaufelte er sich mit seinen Pfoten durch die oberen Schichten und registrierte mit Wonne den aparten Geruch, der von dem Haufen ausging.
Wieder kam orangefarbene Frotteeunterwäsche zum Vorschein. Was für merkwürdige Vorlieben Zweibeiner doch hatten. Lou stellte sich einen dicklichen Rentner mit hochrotem Gesicht im knalligen Frotteeslip vor und war froh, dass er ein Hund war. Weg mit dem Teil! Lou pfefferte mit spitzer Schnauze das Frotteestück in die Rabatten.
Er hörte bereits davon, dass bestimmte Gase Halluzinationen hervorrufen konnten und was ihm hier in die Nase stieg, toppte jede Vorstellung. Er grub sich in Rage bis er plötzlich auf Fell stieß, rotbraunes Langhaardackelfell. Scheiße, musste ausgerechnet er seinen Artgenossen finden? Jetzt bewegte sich das tote Tier auch noch auf ihn zu und grinste ihn an. Ganz klar... er befand sich im Gülle-Delirium. Vor Schreck verlor Lou den Halt, überschlug sich und knallte im Abgang gegen die marode Maschendrahtkonstruktion. Der totgeglaubte Dackel folgte und danach ergoss sich der mühsam aufgeschichtete Unrat-Haufen im penibel gepflegten Garten. Was für ein Schlamassel! Lou schwanden die Sinne.
 
Irgendwann hörte er in weiter Ferne Stimmen. Nur Fetzen konnte er verstehen: „Da hat einer kräftig zugeschlagen“ … „mit der schweren Eisenzange“ … „brutal“ … „der Hund hat die Leiche gefunden. Wahnsinn, toller Kerl!“.
Nein, Lou wollte gar nicht hinsehen, nicht die Augen öffnen, nicht nochmal den grinsenden, toten Dackel sehen.
„Ey Kumpel, kumma.“ Der tote Dackel sprach! Er musste die Augen öffnen, um wieder in die Realität zu kommen.
„Waaah“, schrie Lou und war sofort auf den Beinen, als er das Tier neben sich sah – wedelnd und lebendig. Er verstand die Welt nicht mehr.
 
Hasso erklärte ihm später, dass der Kompostcrash, den er zusammen mit dem äußerst lebendigen Langhaardackel ausgelöst hatte, die nicht mehr ganz frische Leiche des Hundehassers freigelegt hatte. Den hatte seine Gattin, nachdem sie jahrzehntelang unter ihm gelitten hatte, mit der gusseisernen Grillzange auf den Misthaufen der Geschichte befördert. Anschließend reinigte sie das Tatwerkzeug mit der verhassten Frotteeunterwäsche und warf alles über den Zaun.
Ihre Spur verlor sich am Flughafen Düsseldorf. Gerüchten zufolge soll sie sich mittlerweile nach Südamerika durchgeschlagen haben, wo sie sich aufopferungsvoll um Straßenhunde kümmert.
Der Langhaardackel war nie entführt worden und war mächtig beeindruckt, als gleich eine ganze Horde kampfbereiter Landfrauen auszog, um ihn zu retten. Er hatte sich selber seines Halsbands entledigt und die Spur einer ziemlich heißen Retrieverdame aufgenommen.
 
Mit dem „Kackbratzen“ Zettel war ursprünglich ein Kothaufen markiert worden, durch den Wind hatte der Zettel sich jedoch verflüchtigt und war neben dem Halsband im Vorgarten gelandet.
 
Lou durfte zur Belohnung einmal ungestraft den Schreibtisch seines Chefs markieren. Es sollte bald schon seiner werden. Hasso wurde befördert und übertrug Lou die Leitung der Hundestaffel. Monate später stand eine rotblonde Promenadenmischung vor Lou und wollte unbedingt Ermittler werden. Lou musterte den Kandidaten: Das Fell stand an den Ohren ab, von Frisur konnte keine Rede sein. Eindeutig ein Langhaardackel-Retriever-Mix. Lou musste grinsen und stellte ihn ein. Er würde ihn immer an seinen größten Erfolg erinnern. Und Pamela begleitete Lou seit diesem Tag regelmäßig auf eine Portion Gyros.
 
 
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