Krimiwettbewerb Platz 2: Es geht um die Wurst | DOGS TODAY Magazin
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Krimiwettbewerb Platz 2: Es geht um die Wurst

Die Frau vom Fleischhauer wird vermisst! Ihre Freundinnen sind entsetzt und machen sich gemeinsam mit Spitz Toni auf die Spur nach dem Verbrecher. Der schlaue Hund beweist dabei den richtigen Riecher. Lesen Sie hier den 2. Platz des Krimiwettbewerb
Es geht um die Wurst © John-Meyer-Pictures /pixabay.com
Spitz Toni ist auf Verbrecherjagd

2. Platz des Krimiwettbewerb


Es geht um die Wurst

von Christa Harlander
 
„Vermisst? Die Frau vom Fleischhauer?“
Sabine nickte. „Ja , die Anni Loidl – seit Sonntagabend! Nach einem Theaterbesuch mit ihrer Schwester ist sie zu Fuß nach Hause gegangen – aber nicht angekommen. Die Polizei glaubt, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist …“
„Was? Das ist ja schrecklich!“ Evas bestürzter Ausruf ließ Toni hochfahren. Der Kauknochen zwischen seinen Pfoten kippte klackernd auf den Parkettboden des Wohnzimmers. Irritiert sah der schwarze Zwergspitz zur Sitzecke, wo sein Frauchen und ihre Freundin sich unterhielten.
„Schrecklich …“, wiederholte Eva kopfschüttelnd, dann hellte sich ihre Miene auf. „Könnte sie nicht freiwillig verschwunden sein, um anderswo ein neues Leben zu beginnen – ohne den Fleischerladen und vor allem ohne den Loidl?“
„Du magst den Loidl nicht“, stellte Sabine lakonisch fest.
„Naja, ich kenne ihn kaum, da sich meistens nur seine Frau um den Verkauf kümmert. Aber er wirkt ziemlich verschroben. Außerdem ist er nachtragend, nicht wahr Toni?“
Der kleine Hund, der mittlerweile wieder genüsslich an seinem Kauknochen knabberte, hielt verdrossen inne. Heute war ihm keine Ruhe vergönnt! Eva zwinkerte ihm zu und erklärte ihrem Gast: „Dieser Teufelsbraten hat einmal gegen einen Reifen von Loidls Lieferwagen gepinkelt – seitdem grüßt er mich nicht mehr.“
Sabine grinste, wurde aber rasch wieder ernst und meinte: „Die Anni wollte ihren Mann übrigens wirklich verlassen – allerdings ganz offiziell: Sie hat vor kurzem eine Scheidungsklage eingereicht.“
„Oh … das wusste ich nicht.“ Eva runzelte die Stirn. „Aber woher weißt du das eigentlich alles?“
„Von ihrer Schwester, Herta Gutenstein. Die nimmt doch bei mir Spanischunterricht.“
„Ach ja!“, Eva erinnerte sich, dass Sabine von ihrer Schülerin erzählt hatte. „Die Arme … hat sie eine Vermutung, was passiert sein könnte?“
„Naja … Herta ist fest überzeugt, dass Anni von ihrem Mann ermordet wurde. Er hat nämlich gedroht, ihr etwas anzutun, wenn sie sich von ihm trennt.“
„Echt? Weiß das die Polizei?“
„Ja, aber sie ermittelt nicht gegen ihn – nicht einmal eine Hausdurchsuchung wurde gemacht! Daher hat Herta beschlossen, sich selbst umzusehen“, Sabine beugte sich vor und senkte die Stimme, „In der Wohnung der Loidls war sie schon. Für die hatte Anni Reserveschlüssel bei ihr hinterlegt …“
„Und – hat sie etwas entdeckt?“, unterbrach Eva ihre Freundin neugierig.
„Nein, leider … Nun setzt sie ihre ganze Hoffnung auf die Durchsuchung der Fleischerei. Für die hat sie aber keine Schlüssel und muss sich mit einer List Zutritt verschaffen.“ Sabine schaute verlegen an sich herab und schnippte ein imaginäres Brösel von ihrer Jeans. „Und ich hab‘ versprochen, dass wir ihr dabei helfen … “
Eva zog die Augenbrauen hoch: „Ach, wir helfen ihr? Hast du das gehört, Toni?“
Aber diesmal schenkte ihr der Spitz keine Beachtung, denn er war über seinem Kauknochen eingedöst.
„Also gut“, seufzte Eva, „Was habt ihr ausgeheckt?“
„Danke!“, erleichtert ratterte Sabine los: „Der Loidl muss dreimal wöchentlich zur Dialyse. Seit Anni vermisst wird, ist an diesen Vormittagen nur ein junger Aushilfsverkäufer im Laden. Herta und ich werden ihn als angebliche Kontrolleurinnen des Marktamtes besuchen.“
„Ohne Termin?“
„Solche Überprüfungen erfolgen immer unangemeldet. Herta hat auch gefälschte Ausweise organisiert. Und wir werden uns sicherheitshalber verkleiden.“
„Gute Idee. Und was ist meine Aufgabe?“
„Du sollst – als Kundin – den Verkäufer ablenken. Wir werden nicht mehr als 15 Minuten brauchen, denn die Fleischerei hat nur wenige Räume.“
Nach kurzem Zögern meinte Eva: „In Ordnung. Wann soll‘s losgehen?“
„Morgen früh!“
 
Als Eva und Toni am nächsten Tag nach ihrem Morgenspaziergang beim Fleischerladen eintrafen, warteten Sabine und Herta bereits an der Straßenecke. Beide trugen Perücken – Sabine mit schulterlangen Locken, Herta mit einem grauen Pagenkopf – und Brillen mit dicken Rahmen. Eva bedeutete dem Spitz, neben dem Geschäftsportal sitzen zu bleiben. Bevor sie die Türe aufstieß, kraulte sie ihn hinter den Ohren und meinte bedauernd: „Diesmal kann es etwas länger dauern …“
Toni brummelte in sich hinein. Er hasste es, vor der  Fleischerei warten zu müssen. Aus dem Laden roch es immer so verführerisch! Warum hatten Hunde Hausverbot in diesem Paradies? Sehnsuchtsvoll starrte er in die Auslage, bis ihn nahende Schritte aus seinen Gedanken rissen. „Nanu? Was macht denn Frauchens Freundin hier? Sieht irgendwie ungewohnt aus … Und wer ist die andere?“ Neugierig sah der Spitz den beiden nach, als sie ins Geschäft marschierten. Ehe sich die Türe hinter ihnen schloss, fiel sein Blick auf einen rundlichen Gegenstand unter einem Regal in Eingangsnähe.
„Oho! Das sieht nach Wurst aus!“ Toni lief das Wasser im Mäulchen zusammen. Er presste sein Schnäuzchen begehrlich an die Glasscheibe und ließ seine Entdeckung nicht mehr aus den Augen.
 
Im Laden pflanzten sich Sabine und Herta mit einem forschen „Guten Morgen“ etwas abseits der Verkaufstheke auf. Sie hatten sich weiße Laborkittel übergezogen und trugen jeweils eine große, schwarze Mappe mit sich. Eva musste sich ein Grinsen verkneifen. Den Verkäufer hingegen verunsicherte der Auftritt der beiden sichtlich. Während er die Stange Salami, von der er eben ein Stück für Eva aufgeschnitten hatte, mit fahrigen Bewegungen in die Thekenvitrine zurücklegte, erkundigte er sich bemüht beiläufig: „Sie wünschen?“
„Marktamt“, stieß Herta zackig hervor und streckte ihm einen Ausweis entgegen. „Wir haben den Auftrag, die baulichen, gerätespezifischen und anlagentechnischen Voraussetzungen ihres Betriebs zu überprüfen“, fügte Sabine hinzu.
„Oh, oje … tut mir leid … mein Chef, Herr Loidl, ist nicht da“, stotterte der junge Mann erschrocken. „Er kommt erst zu Mittag … ich bin alleine im Laden!“
„Hm … das ist schlecht“, bemerkte Herta schroff und machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann meinte sie mit einem jovialen Lächeln: „Naja, wir werden auch ohne ihren Chef zurechtkommen, nicht wahr Herr …?“
„Fischer … Felix …“, antwortete der junge Mann mit bedrückter Miene, bevor er hervorpresste: „Aber … ich muss doch die Kunden bedienen!“
„Keine Sorge“, beruhigte ihn Sabine, bei der Besichtigung benötigen wir keine Unterstützung. Da wir nicht zum ersten Mal hier sind, finden wir uns alleine zurecht. Sie können sich ungestört um den Verkauf kümmern!“
 
Während die beiden Frauen die hinteren Räume der Fleischerei inspizierten, hielt Eva den merklich erleichterten Herrn Fischer mit einem Großeinkauf auf Trab. Nach einer Weile hatte sich eine dreiköpfige Warteschlange hinter ihr gebildet.
„Bis die alle abgefertigt sind, vergehen locker nochmal zehn Minuten“, überlegte Eva und freute sich, dass sie ihren Einsatz beenden konnte. Es war höchste Zeit, Toni von der Warterei zu erlösen! Der arme Kerl verging bestimmt schon vor Langeweile …
Doch da irrte sie sich, denn der kleine Spitz war im Jagdfieber. Angespannt von den Ohren bis zur Schwanzspitze, lauerte er auf den richtigen Moment, um das Wurststück aus dem Fleischerladen einzuheimsen.
„Achtung, gleich ist es so weit … Frauchen kommt näher … jetzt geht’s um die Wurst!“
Als Eva die Türe aufzog, flitzte Toni an ihren Füßen vorbei, schob seine Schnauze blitzschnell unter das Regal und sauste mit seiner Beute im Mäulchen wieder ins Freie. „Was war das denn?“, wunderte sich Eva und betrat den Gehsteig, wo Toni sie schwanzwedelnd begrüßte, als wäre nichts geschehen. Sein Köpfchen hielt er etwas schief, um seine pflaumengroße Hamsterbacke zu verbergen. Dann lief er ein paar Schritte voraus und wandte sich auffordernd zu Eva um.
„Ist ja gut, wir gehen schon nach Hause“, sagte sie. „Ich will ohnehin lieber nicht wissen, was du angestellt hast …“
 
Wenig später trafen Sabine und Herta bei Eva ein.
„Und…?“, fragte die Gastgeberin neugierig.
„Nichts…“, antwortete Sabine enttäuscht.
„Aber ich gebe trotzdem nicht auf“, bemerkte Herta trotzig. „Ich bin sicher, dass der Loidl die Anni umgebracht hat und das werde ich beweisen …“
„Wir können ja gemeinsam überlegen, wie wir ihn dran kriegen“, schlug Eva vor. „Aber wie wär’s zuerst mit einem starken Kaffee?“
Sabine und Herta nickten resigniert. Während Eva einschenkte, machte sich trübe Stille breit. Umso deutlicher war das leise Scharren zu hören, mit dem Toni sein Körbchen bearbeitete.
„Er räumt auf“, erklärte Eva, als ein abgenagter Kauknochen schwungvoll auf dem Parkettboden landete. Danach folgten ein zerbissenes Seil, zwei Bällchen und eine glänzende, rot-schwarz marmorierte Holzkugel.
„Was der alles hortet!“, staunte Herta, als die Kugel in  ihre Richtung kullerte. Plötzlich erstarrte sie.
„Woher hat er die denn?“, fragte sie Eva aufgeregt.
„Die Kugel? Die hat Toni vorhin im Fleischerladen geklaut. Er dachte wohl, das ist ein Wurststück.“
„Das… Das ist eine Holzkugel von der Halskette, die Anni am Sonntagabend getragen hat!“
„Sicher?“, fragten Eva und Sabine unisono.
„Ja, ganz sicher! Ich habe ihr die Kette geschenkt!“
Die Frauen sahen einander betroffen an, dann griff Herta zum Mobiltelefon und meinte: „Mein Schwager wird der Polizei erklären müssen, wie die Kugel in den Laden gekommen ist.“
 
Am folgenden Abend war Sabine bei Eva zum Essen eingeladen. Es gab eine appetitlich angerichtete Platte mit der Wurst von Evas Alibi-Einkauf. Toni genoss schmatzend die Leckerbissen, die ihm die Frauen zusteckten, während sie selbst zu bedrückt waren, um etwas zu essen. Inzwischen war nämlich Annis Leiche im Wienerwald gefunden worden und ihr Mann hatte den Mord gestanden.
„Der Loidl hat noch in der Fleischerei gearbeitet, als die Anni nach dem Theater dort ihr vergessenes Handy holen wollte“, erzählte Sabine. „Die beiden sind in Streit geraten und er hat sie mit einem Fleischklopfer erschlagen. Beim Wegschaffen der Toten ist ihre Halskette gerissen und eine Holzkugel unbemerkt unter das Regal gerollt ...“
„… wo Toni sie auf der Jagd nach Wurst aufgespürt hat“, schloss Eva den Bericht ihrer Freundin und hielt dem Spitz ein Stück Schinken vor die Nase.
 
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